„Ihr Völker der Welt … schaut auf diese Stadt und erkennt, dass ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft, nicht preisgeben könnt.“ dieser Satz des regierenden Bürgermeisters von West-Berlin, Eduard Reuter ging um die Welt. West-Berlin war zu Land von der Außenwelt abgeschnitten, nur eine Luftbrücke konnte die Berliner Bevölkerung versorgen. Die West-Allierten ließen Berlin nicht im Stich, im Gegenteil, durch die Luftbrücke wurde die Versorgung teilweise besser als vorher.

Als ich im Sommer 1985 mit meiner Klasse für eine Woche in West-Berlin war, bekam ich eine ungefähre Ahnung, was die Berliner in dieser Zeit durchgemacht haben. Irgendwie war West-Berlin immer noch eine belagerte Stadt. Man benötigte ein Visum, um einen Teil der Bundesrepublik besuchen zu dürfen, nur weil man durch ein Deutschland musste, das nicht Teil der Bundesrepublik war. Diesen alten Reisepass mit dem DDR-Stempel besitze ich immer noch. West-Berlin war faszinierend, obwohl man nicht einfach mal 50 Kilometer ins Umland fahren konnte, um dem Leben der Großstadt zu entrinnen.

Hintergrund

Im Frühjahr 1948 gründeten die drei West-Allierten die sog. Trizone, die eine wirtschaftliche Einheit des geteilten Deutschlands sicher stellen sollten. Im Februar 1948 hatten die USA und Großbritannien der sowjetischen Seite im Kontrollrat eine Währungsreform in Deutschland vorgeschlagen. Zwar ergab sich der wirtschaftliche Vorteil für beide Seiten aus der zunehmenden Entwertung der Reichsmark. In dem eingesetzten Ausschuss des Kontrollrats blieb aber in den kommenden Wochen umstritten, auf welche Weise und durch wen die neue Währung kontrolliert werden sollte.

Die am 20. Juni 1948 von den Westalliierten durchgeführte Währungsreform in den drei Westzonen nahm die sowjetische Besatzung dann zum Anlass einer unbefristeten Blockade.

Die „Rosinenbomber“

Die Regierungen der Westmächte hatten zwar mit einer Reaktion auf die Währungsreform gerechnet, aber diese totale Blockade traf sie weitgehend unvorbereitet. Der Militärgouverneur der US-amerikanischen Zone Lucius D. Clay setzte sich in den nächsten Tagen mit seinem Engagement für eine Luftbrücke gegen Vorschläge seines britischen Kollegen Sir Brian Robertson durch, die Besetzung Berlins zu Gunsten gesamtdeutscher Wahlen aufzugeben.

In den westlichen Sektoren Berlins lebten damals etwa 2,2 Millionen Menschen. Hinzu kamen etwa 9000 amerikanische, 7600 britische und 6100 französische alliierte Soldaten mit ihren Angehörigen. Als Millionenstadt musste Berlin nahezu komplett aus dem Umland versorgt werden, bisher war dies zu etwa 75 % durch Importe aus den Westzonen geschehen. Zu Beginn der Blockade lagerten in den Westsektoren Vorräte nur für diese geschätzte Dauer:

  • Lebensmittel 36 Tage
  • Medikamente 6 Monate
  • Benzin 4–5 Monate
  • Motoröl 3–4 Monate
  • Diesel 7–8 Wochen
  • Steinkohle
  • für Heizen, Kochen 35 Tage
  • für Frischwasser- und Abwasser-Pumpen der Wasserwerke 35 Tage
  • für Kraftwerke bei starker Strom-Rationierung 3 Wochen
  • Koks 49 Tage
  • Braunkohle-Briketts 25 Tage

Dabei beruhten die Schätzungen auf außerordentlich knappen täglichen Rationen. So liegt der mittlere täglich nötige Bedarf an Energie aus Lebensmittel für Frauen bei 2400 und Männer bei 3100 kcal. Über ihre Lebensmittelkarten erhielten damals „Normale Verbraucher“ (NC) aber nur etwa 1500 kcal. Zwar konnte das auf dem Land nach Schätzungen der Besatzungsmacht durch eigene Erzeugung um 200–500 kcal erhöht werden, aber nicht mitten in einer Millionenstadt wie Berlin.

Eine Überprüfung zeigte General Clay die Machbarkeit der Versorgung der eigenen Truppen und der Berliner Bevölkerung über eine Luftbrücke zumindest für die warme Jahreszeit. Am 25. Juni 1948 befahl er Berlins gewählten Bürgermeister Ernst Reuter zu sich und fragte ihn, ob die Berliner Bevölkerung die eingeschränkte Versorgung durch eine Luftbrücke ertragen würde. Reuter, begleitet durch Willy Brandt, entgegnete, Clay solle sich um die Luftbrücke, er werde sich um die Berliner kümmern. Berlin werde zugunsten der Freiheit die notwendigen Opfer bringen – es komme, was wolle. Nach dem Gespräch allerdings äußerte Reuter, er bewundere zwar Clays Entschlossenheit, glaube aber nicht, dass die Versorgung per Luftbrücke möglich sei. Clay ordnete am selben Tag in Absprache mit dem Kommandanten der US Air Forces in Europe Curtis E. LeMay die Errichtung einer Luftbrücke an.

Am 26. Juni flogen die ersten Maschinen der US-amerikanischen Luftwaffe von Frankfurt (Rhein-Main Airbase) und Wiesbaden-Erbenheim aus zum Flughafen Tempelhof in Berlin und startete damit die Operation Vittles (Operation Proviant).

Optimierung der Luftbrücke

Anfangs ging man davon aus, dass allenfalls 750 Tonnen Luftfracht pro Tag möglich seien. Das wären ungefähr 375 g pro Einwohner gewesen. Während der Blockade von Leningrad mussten arbeitetende Menschen mit weniger als 400 Gramm pro Tag auskommen, manche sogar nur mit 175 Gramm Brot. Das zeigt, was die Berliner hätten durchmachen müssen.

Es war offenkundig, dass die materielle und personelle Ausstattung verstärkt und die Abläufe optimiert werden mussten. Dies war vor allem für kalte Jahreszeit nötig, weil dann bei Steinkohle vor allem für Kraftwerke und Heizungen nahezu die doppelte Tonnage eingeflogen werden musste.

Durch Ernennung von Generalleutnant William Henry Tunner, der im 2. Weltkrieg bereits die Luftbrücke von Indien nach China über den Himalaya (The Hump) organisiert hatte, war man dank dessen Erfahrung Ende Juli 1948 schon bei über 2.000 Tonnen pro Tag. Die massiven Steigerungen der eingeflogenen Mengen beruhten vor allem auf einer Optimierung hinsichtlich Flugzeugtypen, Landebahnen, Wartung, Entladevorgänge und Flugrouten. So mussten Flugzeuge, deren Landung misslungen war, wieder zu ihrem Startflugfeld zurückkehren und von dort von neuem starten. Dadurch konnte alle drei Minuten eine Frachtmaschine landen. Die Maschinen hatten unterschiedliche Luftkorridore für Hin- und Rückflug, außerdem wurde durch eine ähnlich straffe Organisation der Wartungsarbeiten der Aufenthalt am Boden von 75 auf 30 Minuten verkürzt.

Das Ende der Luftbrücke

Insbesondere wegen der nachteiligen Folgen auf die Wirtschaft der SBZ und Ost-Berlins durch das Embargo hochwertiger Technologie durch den Westen (Gegen-Blockade) und durch den Wegfall des Handels mit den Westzonen und angesichts des mit der Luftbrücke demonstrierten Willens, West-Berlin vor einer sowjetischen Annexion zu bewahren, sah sich die Sowjetunion schließlich veranlasst, die bisherige Blockade aufzuheben. Kurz vor Mitternacht vom 11. auf den 12. Mai 1949 wurden die Westsektoren wieder mit Strom versorgt und um 0:01 Uhr wurde die totale Blockade der Verkehrswege zu Land und Wasser aufgehoben. Am 30. September 1949 landete auf dem Tempelhofer Flughafen der letzte Rosinenbomber mit 10 t Kohle an Bord.

Epilog

Es war sicher kein Zufall, dass gerade zum 15. Jahrestags des Beginns der Luftbrücke US-Präsident John F. Kennedy seine berühmte Rede mit den Worten „Ich bin ein Berliner“ hielt. Er nutzte gerade diesen Tag, um den Berlinern, die nicht einmal zwei Jahre zuvor hilflos mitansehen mussten, wie sie eingemauert wurden, erneut Mut zuzusprechen.

jfk

 

Quellen:

Wikipedia: Berlin-Blockade, Berliner Luftbrücke, Kennedy-Rede 1963

Berliner Luftbrücke – Fakten und Wissen

Zeit Online 2013, Das erlösende Wort

Der Stern 2003, Ernst Reuter „Ihr Völker der Welt … schaut auf diese Stadt“

 

 

 

 

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