Im Jahr 1945 flohen Zehntausende vor „wilden Vertreibungen“ im ehemaligen deutschen Protektorat Böhmen und Mähren. Zahlreiche Heimkehrertransporte wurden überfallen und ausgeraubt, viele Passagiere getötet – so auch in Prerau.

Sechs Wochen nach dem Ende des 2. Weltkrieges, kehrten zehntausende Karpatendeutsche, welche des Vormarschs der Roten Armee in der Slowakei von deutschen Behörden nach Böhmen und Mähren gebracht wurden, wieder in ihre Heimat zurück.

Vom 18. auf den 19. Juni 1945, zwang der Offizier Karol Pazúr mit seinen 30 Soldaten die 265 Zivilisten dazu, den Zug zu verlassen aufgrund des Verdachts, dass ein Nazi unter ihnen sei.

Die Flüchtlinge mussten alles bis auf die Unterwäsche ablegen und wurden vom Bahnhof in kleinen Gruppen auf eine bekannte Anhöhe gebracht, wo sie durch Genickschüsse getötet wurden.

Unter den Flüchtlingen befanden sich ausschließlich Kinder, Frauen und alte Männer. Kinder mussten zusehen, wie ihre Mütter vor ihren Augen erschossen wurden. Genauso mussten Mütter zusehen, wie ihre Kinder vor ihren Augen erschossen wurden.

Die Leichen wurden in ein Massengrab geworfen, doch nicht alle 265 Menschen waren sofort tot. Also nahm man das Maschinengewehr und schoss nochmal ins Massengrab, so dass Stille einkehrte.

Ähnliche Massaker wie in Prerau, mit manchmal noch mehr Toten, ereigneten sich in Aussig, beim Brünner Todesmarsch, in Postelberg und in zahlreichen anderen Orten Böhmens und Mährens. Leutnant Pazúr, der bereits unter dem mit Hitler verbündeten slowakischen Tiso-Regime in der faschistischen Hlinka-Garde gedient hatte, unterschied sich kaum von anderen Sadisten, die im Schatten von Kriegen, Revolutionen und totalitären Regimen ihre Neigungen auslebten. Das Massaker von Prerau war jedoch das einzige Verbrechen, das vor einem tschechoslowakischen Gericht mit einem definitiven Schuldspruch geahndet wurde.

Dank Militärstaatsanwalt Anton Rašla, der das Strafverfahren ungeachtet erheblicher politischer Widerstände betrieb, wurde der mittlerweile zum Oberleutnant beförderte Pazúr im Januar 1949 in Bratislava zu siebeneinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Im Berufungsverfahren erhöhte das Oberste Militärgericht in Prag die Strafe auf 20 Jahre. Nach drei Jahren wurde er jedoch aufgrund einer Intervention des militärischen Nachrichtendienstes wieder entlassen. Danach galt er als Held des Widerstands, wurde ausgezeichnet und gehörte bis zu seinem Tod 1979 dem Verband der antifaschistischen Kämpfer in der Slowakei an, für den er jahrelang als Funktionär tätig gewesen war. Der mährische Historiker Tomáš Staněk berichtet in seinem Buch „Verfolgung 1945“ über eine Begegnung Pazúrs mit General Rašla, die 1969 stattgefunden habe. Pazúr soll dem Strafverfolger die Hand mit folgenden Worten gereicht haben: „Ich vergebe Ihnen – das war damals eben so eine Zeit.“

Quellen:

Wikipedia, Massaker von Prerau

Frankfurter Allgemeine Zeitung, Das Massaker von Prerau, 18.6.2015

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